Du freust dich auf einen ganz gewöhnlichen Abend auf Mallorca und vermisst gleichzeitig ein Familienessen in Deutschland. Das kann sich widersprüchlich anfühlen, besonders wenn du dachtest, das Heimweh würde mit der Zeit einfach verschwinden. Aber die Freude am Leben hier wird nicht weniger echt, nur weil dir Menschen und Gewohnheiten von dort fehlen.

Lucas Froese beschreibt aus seiner eigenen Geschichte, dass Dankbarkeit für das Leben auf Mallorca und Sehnsucht nach Deutschland nebeneinander Platz hatten. Das ist keine Aussage darüber, wie jede Auswanderung verläuft. Es zeigt aber, warum Heimweh kein brauchbarer Test dafür ist, ob jemand auf der Insel angekommen ist.

Zugehörigkeit muss nichts ersetzen

Die Forschung beschreibt kulturelle Anpassung nicht als Weg, auf dem eine Herkunftskultur allmählich verschwindet. Vertrautes zu bewahren und Neues im Alltag aufzunehmen sind verschiedene, relativ unabhängige Seiten dieses Prozesses. Wenn du zu Hause Deutsch sprichst oder ein Gericht aus deiner Kindheit kochst, sagt das für sich genommen wenig darüber aus, wie du auf Mallorca lebst und mit anderen in Kontakt stehst.

Auch das eigene Zugehörigkeitsgefühl muss nicht jeden Tag gleich aussehen. Manche Menschen erleben ihre kulturellen Bezüge als Mischung, andere als zwei gut vereinbare Seiten. Wieder andere sprechen und verhalten sich je nach Umfeld etwas anders. Eine Studie zu bikultureller Identität beschreibt diese Möglichkeiten, ohne einen Wechsel zwischen ihnen automatisch als inneren Konflikt zu werten.

Froese erzählt von einer eigentümlichen Erfahrung: Bei Besuchen in Deutschland wurde er als Mallorquiner wahrgenommen, auf der Insel als Deutscher. Solche Zuschreibungen von außen können irritieren, auch wenn das eigene Leben längst Bezüge zu beiden Orten hat. Er beschreibt seine Sprachen, Speisen und Gewohnheiten deshalb nicht als Entscheidung für die eine und gegen die andere Seite, sondern als etwas, das zusammengewachsen ist.

Das heißt nicht, dass eine mehrfache Identität automatisch glücklich macht. Eine Forschungsübersicht warnt davor, aus einer bestimmten Art der kulturellen Anpassung verlässlich auf Wohlbefinden zu schließen. Beziehungen, Lebensumstände und Erfahrungen im jeweiligen Umfeld spielen ebenfalls eine Rolle. Und die vorhandene Forschung untersucht nicht repräsentativ das Heimweh deutschsprachiger Menschen auf Mallorca. Sie hilft, die eigene Ambivalenz einzuordnen, liefert aber keine Diagnose für das eigene Leben.

Was fehlt dir gerade wirklich?

Wenn sich etwas nicht richtig anfühlt, lohnt es sich, genauer hinzusehen, statt alles unter „Heimweh“ zusammenzufassen. Die Weltgesundheitsorganisation unterscheidet zwischen sozialer Isolation – wenigen Beziehungen und Kontakten – und Einsamkeit: dem schmerzlichen Gefühl, dass die vorhandenen Verbindungen nicht den eigenen Bedürfnissen entsprechen. Du kannst also viele Menschen kennen und dich trotzdem allein fühlen. Umgekehrt müssen wenige Kontakte nicht als Mangel erlebt werden.

Eine kleine Bestandsaufnahme kann helfen. Nicht als Punkteliste für gelungene Integration, sondern um zu erkennen, wo du etwas ändern möchtest:

Die Fragen nach regelmäßigen Kontakten, gegenseitiger Unterstützung und der Qualität von Beziehungen greifen drei Seiten sozialer Verbindung auf, die auch die WHO beschreibt. Sie sind oft hilfreicher als die Frage, wie viele Leute du hier schon kennst.

Beziehungen wachsen im gewöhnlichen Leben

Wenn dir vor Ort Nähe fehlt, musst du nicht gleich einen völlig neuen Freundeskreis aufbauen. Froese erinnert sich daran, wie die Kontakte seiner Familie durch wiederholte Begegnungen auf dem Platz, an der Schule und in Geschäften wuchsen. Nicht jede dieser Begegnungen wurde zur Freundschaft. Aber das regelmäßige Wiedersehen gab Gesprächen überhaupt erst Raum.

Für dich kann das bedeuten, einen Ort oder eine Tätigkeit zu wählen, die ohnehin in deine Woche passt, und dort öfter aufzutauchen. Der Unterschied ist klein, aber wichtig: Du versuchst nicht, bei jedem Besuch sofort Anschluss zu finden. Du schaffst Gelegenheiten, in denen aus einem bekannten Gesicht vielleicht ein Gespräch und aus einem Gespräch mit der Zeit mehr wird. Gleichzeitig darf ein Anruf nach Deutschland weiter seinen festen Platz haben. Das eine nimmt dem anderen nichts weg.

Falls das Gefühl von Einsamkeit oder Heimweh anhält, stärker wird oder deinen Alltag merklich beeinträchtigt, musst du es nicht allein einordnen. Auf Mallorca kann das PsicoAP-Programm von IB-SALUT nach einer Einschätzung durch die zuständige Ärztin, den zuständigen Arzt oder eine Pflegefachkraft Unterstützung bei emotionalen Belastungen bieten. Wenn weitere Hilfe nötig ist, erfolgt eine entsprechende Überweisung; auch Termine in der Psychologie und psychischen Gesundheitsversorgung laufen über die Wege der Primärversorgung. Es gibt keine allgemeine Frist, nach der Heimweh „nicht mehr normal“ wäre – entscheidend ist, wie es dir damit geht.

Bei Suizidgedanken oder entsprechender Gefährdung ist die spanienweite, kostenlose und vertrauliche Telefonnummer 024 rund um die Uhr erreichbar; sie ersetzt keine gesundheitliche Behandlung. Bei unmittelbarer Lebensgefahr gilt die Notrufnummer 112.

Du musst also nicht herausfinden, welcher Ort dein „richtiger“ ist. Schau lieber, welche Verbindung dir gerade fehlt und welcher nächste Schritt dazu passt: ein fester Anruf, ein wiederkehrender Kontakt auf Mallorca oder Unterstützung, wenn die Belastung zu groß wird.

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